Eine nicht immer ganz ernst gemeinte Autobiographie

Wenn jemand berühmt ist,
ein Star, ein Genie,
dann schreibt eines Tag`s er
´ne Biographie.
Ich bin nicht berühmt,
ich werd`s auch nie sein,
doch dacht ich mal abends
bei einem Glas Wein:
Wat angere können,
dat kannz du schon lang,
schnapp deck en Bleisteft
on fang eenfach aan
on schriew alles op,
wat längs eß vorbie,
dat wird van alleen dann en
A u t o b i o g r a p h i e!

Als Klein-Herbert mit dem Klaps der Hebamme und dem ersten empörten Schrei der Welt seine Aufwartung machte, dauerte es noch genau vier Wochen, bis der erste Weltkrieg zu Ende war. 21 Jahre später sollte ich dann zum zweiten Mal an einem Weltkrieg teilnehmen. Das dauerte dann aber etwas länger. Nach oben

Das trübe Licht der damaligen Welt habe ich in unmittelbarer Nähe vom Sonnborner Kreuz erblickt, das es damals aber noch gab. Meine Mutter wurde Zuhause von mir entbunden. Sie musste erst ins Krankenhaus, als sie mich sah. Die Hebamme meinte, ich wäre das lebende Beispiel für Geburtenkontrolle. Mein Vater sagte: "Bevöar dä löppt, wird dä met Wopperwater eascht gedöppt!" Bei der Taufe war ich dann ganz brav. Meine Eltern hatten vorher eine Woche lang mit der Gießkanne geübt. Seitdem bin ich wasserscheu. Nach oben

Mein Vater wollte mir den Vornamen Doktor geben, um mir die Universität zu ersparen. Leider ließ das der Standesbeamte nicht zu. Wenn ich mal nicht einschlafen wollte, hat mich die Mama hochgeworfen. Das half, denn unser Zimmer war sehr niedrig. Ich hatte überhaupt eine schwere Kindheit; denn meine Oma ist früh gestorben, und so mussten mich meine Eltern allein großziehen. Zum Schluß war ich einsdreiundachtzig. Nach oben

Meine Mutter war aus Greiz in Thüringen und mein Vater aus Fritzlar in Hessen, kein Wunder, dass aus dieser Verbindung so was wie mich entstanden ist. Weil ich so gut gelungen war, heben meine Eltern dann drei Jahre später meinen Bruder Rudi ins Leben gerufen. Er war auch ein schönes Kind. Nach oben

Drei Jahre war der Herbert alt, da tut sich was im Haus. Er äugt durch Schlüsselloch und Spalt, der Arzt geht ein und aus.

Man nimmt den Herbert bei der Hand und führt ihn zur Mama. Da steht er nun und guckt gebannt. Bleich lächelnd liegt sie da.
Doch jetzt wird auch der Herbert blaß und ruft in heller Wut: "Ein neues Kind? Warum denn das? Ich bin noch ganz gut!"
Ein halbes Jahr später hörte ich die Mutter zum Vater sagen: "Noch drei Raten an die Hebamme, und der Rudi gehört uns!" Meine Mutter war sehr lieb. Sie hat mir nie die Leviten gelesen, nur Grimm`s Märchen.

Als ich vier war, zogen meine Eltern nach Elberfeld in die Wirkerstraße auf dem 'Ölberg', damit ich hier im 'Petrolumsviertel' Wuppertaler Platt lernen konnte, weil ich ja später mal die Gedichte von 'Pitter on Kaal' schreiben wollte. Nach oben

Mein Vater war bei der Eisenbahn. Er begann seine Karriere im Bahnhof Elberfeld als Gepäckträger. In dieser Zeit war er immer sehr nachtragend. Später nahm er viel Geld ein im Fahrkartenschalter Vohwinkel, während ich vier Jahre lang in die Volksschule Marienstraße und dann sechs Jahre in die Knaben-Mittelschule Nord in der Neuen Friedrichstraße tippelte. Wenn ein Lehrer kam, mußten wir immer aufstehen; nur Ostern durfte ich sitzen bleiben. Mein Vater fragte den Lehrer, ob er mich nicht ausnahmsweise doch versetzen könnte. "Tut mir leid", sagte er, "denn mit dem, was ihr Sohn nicht weiß, könnten glattweg noch drei andere Schüler sitzen bleiben!" Nach oben

Zunächst wollte ich Leuchtturmwärter werden. Das war auch sehr aussichtsreich, aber die Aufstiegmöglichkeiten waren schlecht. Drei Tage war ich da oben, dann wurde ich abgelöst. Ich hatte beim Schlafengehen immer das Licht ausgemacht. Eine Lehre als Koch habe ich abgebrochen; denn der Chef hat mich dauernd in die Pfanne gehauen. Eine Maurerlehre habe ich schnell wieder aufgegeben, weil ich nicht genug auf den Putz hauen konnte. Auch Elektriker war nichts für mich, denn ich habe nicht schnell genug geschaltet. Nach oben

Meine Mutter hatte unterdessen in der Wirkerstraße einen 'Tante-Emma-Laden' aufgemacht (obwohl sie Walli hieß), damit wir von den Schulden runterkamen. Viel Geld hatten wir nämlich nicht.

Wenn Besuch kam, wurden die Messer warm gemacht, damit niemand viel Butter nehmen konnte. Kamen Gläubiger, haben wir nur gelacht. Wir kamen oft wochenlang nicht mehr aus dem Lachen heraus. Machten wir mal einen Ausflug (wir mußten dann immer große Schritte machen, damit die Sohlen länger hielten) und kehrten irgendwo ein, las mein Vater die Speisekarte stets von rechts nach links. Einmal hatte er sich im Lokal verlaufen, weil es viele Gänge gab. Er war schon sparsam, mein Vater. "Bei uns kommt kein Tropfen Alkohol auf den Tisch", sagte er, "wenn man vorsichtig einschüttet." Dann mußten wir alle Blindenschrift lernen, damit wir abends beim Lesen Strom sparen konnten. Einmal sind wir in die Alpen gefahren. Beim Herumkraxeln in den Bergen sagte meine Mutter zu ihm: "Riskier was, du bist hoch versichert!" Nach oben

Durch Mutters Laden ging's von nun an aber bergauf, und zwar so steil, daß ich nun richtig als Jugendlicher anfangen konnte und an das aus vierter Hand gekaufte Klavier gesetzt und von einem preiswerten Klavierlehrer von meinem 10. bis 12. Lebensjahr im Gebrauch der weißen und schwarzen Tasten unterrichtet wurde. Wenn ich mal schmutzige Hände hatte, durfte ich die Etüden nur auf den schwarzen Tasten üben. Mit 13 bekam ich zur Freude meiner Eltern und ihrer Geldbörse ein Jahr lang ein Stipendium auf dem Konservatorium in Elberfeld. Nach oben

Als ich mit dem Klavier einigermaßen umgehen konnte, lernte ich Klarinette blasen, um zunächst das Schülerorchester mit mehr oder weniger gekonnten Quietschtönen zu beglücken. Man wollte mich auf die Musikhochschule weit weg nach München schicken; die Kosten hierfür wollten die Nachbarn übernehmen. Daraus wurde aber nichts. Stattdessen wurde ich 1935 aus der Mittelschule mit der 'Mittleren Reife' entlassen. Als mein Vater das Zeugnis sah, meinte er: "Schade, daß es keine Zensur für Mut gibt. Du hättest eine eins verdient, mit sowas nach Hause zu kommen." Nach oben

Ich trat nach einigen Fehlversuchen nun beruflich in Vaters Fußstapfen und fing mit der mittleren Reife bei der Güterabfertigung Barmen und mit der Klarinette im Blasorchester der 'SA-Standarte 171' an. Das schönste waren die Platzkonzerte auf dem Neumarkt in Elberfeld; denn mit dem Marschieren hatte ich es nicht so. Deshalb meldete ich mich auch 'zur Ableistung der Wehrpflicht' zur Marine, obwohl mir schon beim Fahren mit der Schwebebahn oft schlecht wurde. Nach oben

Nachdem man mir vorher 6 Monate lang beim 'Reichsarbeitsdienst' in Neumarkt/Oberpfalz beigebracht hatte, wie man mit Hacke und Schüppe Straßen baut und die Lore schiebt, wurde ich vom 1.10.1938 an für ein halbes Jahr in der '12. Schiffsstammabteilung' Brake/Oldenburg zum Marine-Infanteristen ausgebildet. Hier hatte ich oft Alpträume wie ein Ferkel. Ich träumte dauernd vom Spieß. Dann wurde die Marinenachrichtenschule in Flensburg mein vorübergehendes Domizil, wo es damals noch keine Verkehrssünderkartei gab. Einmal mußten wir bei einer Schiffstaufe anftreten. Statt einer Sektflasche wurde eine Flasche mit Tinte gegen den Schiffsrumpf geworfen; denn es war ein Schulschiff. Nach oben

14 Tage nach Erhalt des Bordfunker-Patentes gab es Krieg. Nun schon der zweite in meinem Leben. Ich wäre gern auf ein Schlachtschiff gegangen, aber die nahmen nur Nichtschwimmer. Weil die ihr Schiff länger verteidigen. Darum meldete ich mich zu den U-Booten, weil ich immer schon mal gerne weggetaucht bin. Außerdem wollte ich was von der Welt sehen. Ich war nur einen Tag auf einem U-Boot, dann mußten sie mich wieder zurückschicken. Ich konnte nur bei offenem Fenster schlafen. Nach oben

In der 'Fliegerwaffenschule (See) Bug auf Rügen' wurde ich stattdessen zum Luftwaffen-Bordfunker umgeschult. Fliegen war noch schlimmer als Schwebebahn fahren. Trotzdem habe ich das 5 Jahre lang mit bleichen Wangen und umgedrehten Magen durchgehalten. Seitdem mache ich um jedes Flugzeug einen Bogen; denn biegen ist besser als brechen.

Im Juni 1940 hieß unser Auftrag u.a. : U-Bootjagd im Skagerrak und Kattegat von unserem Stützpunkt in Aalborg/Dänemark aus. Da entdeckten wir mit unserem Wasserflugzeug He 115 im Planquadrat sowieso ein aufgetauchtes englisches 60-Mann-U-Boot. Als Leuchtspurgeschosse an meiner Nase vorbeiflitzten, rief ich nach vorne: "Herr Oberleutnant, die schießen auf uns!" "Schon gut", rief er zurück, "die dürfen das!" Wir drei-Flugzeugführer, Beobachter und ich- kabbelten uns mit unseren MG 34 so lange mit ihnen rum, bis uns eine weiße Fahne am Kommandoturm klarmachte, daß sie keine Lust mehr hatten. Zum Glück kamen sie nicht auf die Idee wegzutauchen, denn wir hatten noch einige hochbrisante Wasserbomben im Schacht. Herbeigemorste Vorpostenboote (Sprechfunk gab es damals noch nicht) haben es dann nach Kiel abgeschleppt. Nach oben

Diese 'Heldentat', für die unserer Flugzeugbesatzung das Eiserne Kreuz verliehen wurde, hatte jedenfalls 60 englischen Seelords die Möglichkeit verschafft, diesen Sch...krieg heil, wenn auch nicht besonders komfortabel, zu überstehen.

1944 gab es kaum Sprit für unsere Do 17, Ju 86, He 111 und wie sie alle hießen. Ich mußte daher zum dritten Mal die Uniform wechseln und wurde, ohne auch nur eine Stunde im Erdkampf ausgebildet zu werden, als Infanterist und Kanonenfutter an die Ostfront in der Nähe von Gumbinnen in Ostpreußen kommandiert, von wo meine Großeltern väterlicherseits stammten. Nach oben

Vier Tage vor Kriegsende hatten russische Panzer unsere Kompanie bei Rostock rundherum eingekesselt. Vor uns die Ostsee, in den Dünen hinter uns die T 34, die immer näher kamen. Wer einen schwimmbaren Untersatz hatte, flüchtete hinaus aufs Meer. In dem Durcheinander saßen am Strand in einem Schlauchboot zwei verängstigte Frauen mit drei kleinen Kindern und warteten auf einen seetüchtigen und erfahrenen Ruderer. Warum dann nicht ich? Als nach fünf Stunden Rudern die Blasen an meinen zarten Händen nicht mehr zu übersehen waren, sichteten wir auf hoher See ein deutsches Vorpostenboot. Da ich bei der Marine u.a. auch das Winker-ABC gelernt hatte, konnte ich damit der Besatzung unsere mißliche Lage signalisieren. Und ich landete am Ende des Krieges wieder dort, wo ich vor 6 ½ Jahren angefangen hatte: Bei der Marine. In Schleswig-Holstein, das durch die Engländer in ein riesiges Gefangenenlager eingerichtet worden war, wurden wir 'gelöscht', und am 1.5.1945 war meine militärische Karriere -ich war immerhin Offizier (Unter-Offizier)- hier in Eutin zu Ende. Nach oben

Rückblickend muß noch angemerkt werden, daß es in Barmen eine Ilse Koch gab, die im März 1942 den auf Heimaturlaub befindlichen Helden im 'Cafe Holländer' (gibt es nicht mehr) in Elberfeld kennenlernte. Zwischen Elberfeld und Barmen liegt die Hardt, und hier kamen sie sich während dieses Urlaubs entgegen und näher. Diese 'Begegnungen im März' waren so frühlingshaft, daß ein Tag vor Nikolaus geheiratet wurde und vier Tage vor Weihnachten eine kleine Ingrid auf der Welt war. So schnellebig war damals im Krieg die Zeit! Nach oben

Vom Gefangenenlager aus konnte ich meine kleine Familie in Schwerin/Mecklenburg, wohin sie inzwischen 'evakuiert' worden war, benachrichtigen. Kurz vor Übernahme des Gebietes durch die russische Armee gelang es meiner ehemaligen Braut, mit der zweijährigen Ingrid im Kinderwagen und sonst nichts, mit viel Glück nach Schleswig-Holstein zu trampen, wo sie sich mit List und Tücke in das Gefangenenlager einschlich und mich hier eines Tages im Juni 1945 unter 7000 abgewrackten Landsern wiederfand. Nach oben

Als gelernter Eisenbahner wurde ich bevorzugt entlassen. Auf offenen Lkw ging es in drei Etappen nach Weeze am Niederrhein zum Entlassungslager, mit dabei die junge Frau Heßler, als kleiner Landser verkleidet. Ingrid wanderte unterdessen, wie es die jeweilige, oft kritische Situation verlangte, von einem Landserarm auf den anderen. Und so kamen wir am 25.06.1945 ziemlich wohlgemut in Elberfeld an. Unsere Wohnung in Barmen war am 30.05 1944 'ausgebombt' worden. Nach oben

In der Mansardenwohnung meiner Mutter in der Charlottenstraße machten wir es uns in zwei Zimmerchen mit Kistenbrettern, Feldbetten und einem elektrischen Kocher 'gemütlich'. Mein Vater war auf einer Dienstreise im Bahnhof Leichlingen durch einen Tieffliegerangriff ums Leben gekommen, zwei Tage vor Ablauf meines Heimaturlaubs. Das Wehrbezirkskommando gewährte mir daraufhin einen Sonderurlaub von zwei Wochen. Als ich danach zu meiner Kompanie in Ostpreußen zurückkehren wollte, gab es sie nicht mehr. Sie war in den letzten 14 Tagen von der russischen Armee überrannt und aufgerieben worden. Durch seinen Tod hat mir mein Vater zum zweiten mal das Leben geschenkt. Nach oben

Das Überleben hatten wir geschafft, jetzt ging's um Weiterleben. "Wir treiben Sport", sagte die Frau des Hauses, "wir ringen jeden Tag um unsere Existenz!" Die Hamsterzeit begann. Gleichzeitig fing ich meine dreijährige Ausbildung zum Eisenbahn-Inspektor an und wurde nebenbei 'entnazifiziert' und in Gruppe V eingestuft. Obwohl ich mitten in der Ausbildung war, bekam ich am 30.10.1945 vom Arbeitsamt einen 'Arbeitsbefehl als Umschüler für den Steinkohlenbergbau'. Beinahe wäre ich Kumpel unter Tage geworden.

Trotz oder gerade wegen der stressigen Zeit und der schlechten Verpflegung mit Maisbrot und Steckrüben wurde im Juni 1946 ein weiteres Kind in Dienst gestellt: Sohn Norbert. Zwischen dem Lernen für die Prüfung, 'hamstern' fahren, 'kongeln' auf dem schwarzen Markt und Kinder versorgen haben wir uns schlecht und manchmal recht durchgewurstelt, bis zur Währungsreform 1948, als das 'Wirtschaftswunder' begann.Nach bestandener Fachprüfung zum Diplom-Verwaltungbetriebswirt und Ernennung zum ap Inspektor 1948 stand ich zunächst als 'Mann mit roter Mütze' auf den Bahnsteigen des Bahnhofs Vohwinkel. Ich mußte jetzt ständig eine Krawatte tragen, obwohl ich schon genug am Hals hatte. In den damals noch langen Zugpausen wurde ich im stillen Aufsichtsbeamten-Häuschen schon mal heimlich geküßt - von den Musen, die für Musik und Dichtung (nicht die für den Wasserhahn) verantwortlich zeichnen; denn hier sind die ersten Mundartgedichte von 'Pitter on Kaal' entstanden. Außerdem flossen noch Texte und Melodien zu Heimat- und sonstigen fröhlichen Liedern aus meinem bundeseigenen Bleistift, die ich von 1949 bis 1969 als Mitglied der Großen Wuppertaler Karnevalsgesellschaft auf Veranstaltungen der 'Vereinigten Wuppertaler Karnevalsgesellschaften' eigenmündig bei gleichzeitiger Begleitung auf meinem Akkordeon vorgetragen habe. Nach oben

Bei Heimat- und Karnevalslieder-Wettbewerben sind mir 7 goldene, 2 silberne und eine broncene Medaille verliehen worden. Außerdem füllte sich eine mit blauem Samt ausgeschlagene Schatulle mit über 40 Karnevallsorden. Die Prinzengarde Köln-Frechen hat mein Marschlied 'Ohne mich' jahrelang als ihren Büttenmarsch gespielt und gesungen. Der WDR Köln hat zwei meiner fröhlichen Lieder in der Karnevallszeit gesendet.

Auch ein Wiegenlied habe ich komponiert. Dafür habe ich zwei Jahre gebraucht, weil ich immer dabei eingeschlafen bin. Sangen wir mein ebenfalls selbstgestricktes Weihnachtslied, fielen jedesmal die Nadeln vom Tannenbaum ab. Nach oben

Unser lustiges Mansardenleben in Elberfeld konnten wir im Dezember 1952 aufgeben und eine Neubauwohnung des Sozialen Wohnungsbaus in der Rudolfstraße in Barmen beziehen, wo wir auch noch heute unser Leben fristen. Das Leben hier auf 65 qm war für uns so ungewoht schön, daß im November 1954 eine kleine Birgit unsere Familie auf fünf Köpfe aufstockte.

1959 wurde bei einer Routine-Untersuchung in meiner Lunge eine böse Stelle mit dem wohlklingenden Namen 'Tuberkulom' entdeckt. Die wurde in Schömberg/Schwarzwald großräumig rausgeschnitten und ich 18 Monate aus dem Verkehr gezogen. Die dann obligatorischen Liegekuren im Schwarzwald, in Davos und in Melsungen kamen mir gerade recht, um noch Texte und Melodien von der weit entfernten Heimat sowie 'Dönekes von Pitter on Kaal' zu schreiben. Nach oben

Über fünf Außendienststellen des Verkehrs- und Betriebsdienstes hatte ich 1958 der Liegenschaftsabteilung der damaligen Budesbahndirektion Wuppertal meine unbändige Arbeitskraft zur Verfügung gestellt. Zwischen der Rudolfstraße und der Direktion liegt die Hardt.Jeden Morgen machte ich einen strammen Fußmarsch durch die Anlagen und saß nach ¾ Stunden sauerstoffdurchflutet an meinem Schreibtisch. Im Winter waren meine Fußspuren im Schnee die ersten, die am Bismarckturm vorbeiführten. Hin und wieder mußte ich mal stehen bleiben. Nicht, weil es bergan ging, sondern weil mir dabei Ideen zu Mundartgedichten und Liedertexten einfielen, die ich flugs in Steno mit einem Bleistiftstummel und einem kleinen Block festhielt. Da hat sich im Lauf der Jahre ganz schön was zusammengeleppert. Nämlich über 600 Mundartgedichte und u.a. 40 Wuppertaler Heimatlieder. Nach oben

'Im Zuge der Verwaltungsvereinfachung' sollte die Direktion anfang der siebziger Jahre aufgelöst werden, und ich deshalb nach Essen versetzt werden. Da man aber einem unverbesserlichen Wuppertaler nicht zumuten wollte, in einer Stadt ohne Schwebebahn und ohne Wuppertaler Platt ein freudloses Dasein zu fristen, wurde ich am 1.05.1971 vorzeitig in den 'wohlverdienten Ruhestand' versetzt. Diese Versetzung konnte ich akzeptieren, denn das gab mir Zeit und Gelegenheit, das Wachsen und Gedeihen meiner lustigen beiden 'Fiktivkinder Pitter on Kaal' zu fördern, die dann in wohngesetzten Reimen im Wuppertaler Dialekt im Dezember 1977 in den Buchhandlungen erschienen sind (Im September 1994 habe ich im Eigenverlag einen weiteren Gedichtband mit 150 Mundartgedichten unter dem Titel "Dönekes van Pitter on Kaal" herausgegeben). Außerdem konnte ich mir unverhofft einen Jugendtraum erfüllen: Herumreisen mit dem Wohnwagen, unabhängig von Zeit und Raum, bevor die Reiseapotheke schwerer wird als das übrige Gepäck. Denn Reisen ist Leben, und Leben ist eine Reise. Und :"Reisen bildet!", wie mein Dichterkollege Goethe schon sagte. Nach oben

Um aber die Verbindung zur heißgeliebten Eisenbahn nicht abreißen zu lassen, bin ich 1971 in das Bundesbahn-Orchester Wuppertal eingetreten. Der Pensionist wurde aber kein Posaunist. Er ist, was den Rhythmus anbetrifft, als Schlagzeuger der verlängerte Arm des Dirigenten. In dem Tempo, wie er auf seiner Trommel den Takt schlägt, so schnell oder langsam muß der Dirigent den Taktstock schwingen. Aber mein Lieblingsinstrument war nach wie vor der Essensgong und meine Lieblingsplatte eine Wurstplatte. Nach oben

Wenn ich auf meinen vielen Steckenpferden (Wandern in Stiefeln, Skilaufen in Loipen, Schnitzen in Holz, Malen in Öl, Ritzen in Glas, Musizieren auf dem Akkordeon, Keltern von Beerenwein und Basteln im Keller mit einem vollausgelasteten Black&Decker) so still vor mich hinreite, habe ich immer wieder Ideen zu Dönekes in Wuppertaler Mundart oder zu Texten und Melodien für meine Heimatlieder, von denen 15 im Jahre 1983 unter dem Titel 'Bergische Lieder' erschienen sind und von vielen Wuppertaler Chören und dem Polizei Musikkorps in ihr Repertoire aufgenommen worden sind. Nach oben

Als dann die Keyboards immer mehr in Mode kamen, konnte ich mir, inzwischen zum Bundesbahn-Amtmann 'avanciert', auch ein solches Instrument leisten. Im Juni 1985 wurde ich von einer Altentagesstätte eingeladen, um mit meinem Akkordeon, dem Keyboard und meinen Mundartgedichten von 'Pitter on Kaal' für fröhliche Stimmung zu sorgen. Das sprach sich herum, und inzwischen 'betreue ' ich auf diese Art viele Altentagesstätten zwischen Langerfeld und Vohwinkel, verschiedenen Altersheime, den Blindenverein, und im Sommer bin ich noch bei der Senioren- Stadtranderholung an verschiedenen Orten rund um Wuppertal ein gern gesehener und gehörter Gast. Am 8.9.1991 wurde mir vom Bundespräsidenten wegen meines Engagements für die Wuppertaler Senioren das Bundesverdienstkreuz verliehen, das mir am 25.02.92 in einer Feierstunde von der Oberbürgermeisterin überreicht wurde. Hierin eingeschlossen war auch mein Engagement für den Erhalt der Wuppertaler Mundart. Nach oben

Für meine "ehrenamtlichen Verdienste um die landschaftliche Kulturpflege im Rheinland auf dem Gebiet der Mundartdichtung" wurde mir am 26.11.97 vom Landschaftsverband Rheinland der Kulturpreis Rheinlandtaler verliehen.

Eingedenk der Tatsache, daß der Normalbürger lieber hört als liest, habe ich mehrere Musik-Kassetten 'produziert', die schon hundertfach auf Wuppertaler Radio-Recordern abgespielt wurden. Auf der A-Seite sind Wuppertaler Lieder und auf der B-Seite Gedichte in Wuppertaler Mundart zu hören. Nach oben

Die meisten Mundartgedichte aber habe ich beim Arbeiten im Schrebergarten (noch ein Hobby) geschrieben. Die Stiefmutter (Kosewort Stiefmütterchen), die Erika, der Gute Heinrich und die sonstigen Kleingartenbewohner quatschen einem nicht dazwischen, und die frische Luft durchbraust die grauen Gehirnzellen dermaßen, das es sich fast von alleine dichtet. Übrigens eine gute Kombination, der arbeitsame Aufenthalt im Garten: Körperliche und geistige Tätigkeit gleichzeitg!

Ob der Philosoph Imanuel Kant wohl diese Situation gemeint hat, als er sagte:

"Je mehr du gedacht hast, je mehr du getan hast, desto länger hast du gelebt:"

Wat meenze?

Geschrieben im Jahre des Herrn 1999 Nach oben