Menschliches - Allzumenschliches

Zum 75. Geburtstag des Wuppertaler Liedermachers und Heimatdichters Herbert Heßler

"Der Dialekt hat den Vorzug, ganz fern von allem Gestelzten zu sein. Ich meine, daß er auch dazu beitragen kann, daß man mehr 'Tuchfühlung' miteinander bekommt. Menschliches, Allzumenschliches läßt sich oft in heimalticher Mundart leichter aussprechen als in einer Sprache, die sich an das geschriebene Hochdeutsch anlehnt."

So Ministerpräsident Dr. Johannes Rau in seinem Vorwort zum Manuskript 'Pitter on Kaal, twei lostige Jonges ut Wopperdal' - Mätzkes on Spöke, Geschichten und Späße zweier frei erfundener Wuppertaler Originale mit Vornamen, die an dieser Stelle gewiß nicht ins Hochdeutsche übertragen werden müssen. Erfinder und 'Vater' dieser Originale ist Herbert Heßler, geboren vor nunmehr fünfundsiebzig Jahren, seit einen guten halben Jahrhundert tätig als Liedermacher, um eine eher aktuell besetzte Berufsbezeichnung zu gebrauchen, als Dichter, Komponist, Sänger und Begleiter am Klavier oder - zeitgemäß - am Keyboard in Personalunion. Dabei hat es mit Shanties begonnen, damals Anfang der vierziger Jahre, als Herbert Heßler zum Marinefunker ausgebildet wurde - Seemannsromantik war angesagt, vorgetragen zur Erheiterung der Mannschaftskameraden auf einem Akkordeon, das später mit an die Ostfront kam, dort aber auf der Flucht über die Ostsee verloren ging. Nach oben

Doch gehen wir an den Anfang der Biographie zurück. Am 11.10.1918 wurde Herbert Heßler in Wuppertal-Sonnborn geboren, vier Wochen vor dem Ende des Ersten Weltkrieges. Mit Musik wuchs er auf. Die aus Thüringen stammende Mutter spielte Klavier, von ihr hat er wohl auch das musikalische Talent. Der Vater, aus Hessen stammend, war bei der Eisenbahn beschäftigt. Doch weil sein Einkommen so glänzend nicht war, entschloß sich die Mutter, einen 'Tante-Emma-Laden' zu eröffnen und so ein wenig hinzuzuverdienen. 1922 zog die Familie in die Wirkerstraße im Elberfelder 'Petroleumsviertel'. Herbert besuchte die Volksschule in der Marienstraße, kam dann auf die Knaben-Mittelschule Nord an der Neuen Friedrichstraße. Klavierunterricht nahm Herbert indessen, und zwar bei Wilhelm Laatsch, übrigens einem weitläufigen Verwandten des Schreibers dieser Zeilen. Mit 13 kam er ein Jahr auf das Potthoff-Zimmermannsche Konservatorium Elberfeld, lernte hier außer Klavier auch Klarinette, spielte im Schülerorchester mit, lernte Akkordeon, dies allerdings autodidaktisch. Nach oben

Mit der 1935 erworbenen Mittleren Reife ging Herbert Heßler zur Güterabfertigung am Barmer Bahnhof, spielte aber nebenher in verschiedenen Blasorchestern mit, nahm teil an einer Fülle von Platzkonzerten - bis ihn die Einberufung zur Wehrmacht traf.

Nach dem Krieg - inzwischen verheiratet, bald Vater dreier Kinder - ging er wieder zur Eisenbahn, schlug die Inspektorenlaufbahn ein, nachdem er die Prüfung zum Diplom-Verwaltungsbetriebswirt abgelegt hatte. 1948 wurde er zum Inspektor ernannt, übernahm verschiedene Dienstleiterposten im Verkehrs- und Betriebsdienst, ging 1958 in die Bundesbahndirektion Elberfeld, wurde dort Amtmann für Liegenschaftsangelegenheiten. Dreizehn Jahre wirkte er hier, bis er mit der Auflösung diser Direktion am 1.4.1971 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde. Doch er blieb der Bahn treu - als Schlagzeuger beim Bundesbahnorchester Wuppertal. Nach oben

... ohne Schwebebahn, ohne den Bezug zur Heimat ist denn auch Herbert Heßlers 'zweite Karriere' nicht denkbar. An die 600 Mundartgedichte schrieb Herbert Heßler. Daneben dichtete, komponierte Heßler 40 Heimatlieder, versah sie mit komplettem Begleitsatz - außerordentlich erfolgreich, denn er sammelte mit ihnen bei diversen Wettbewerben nicht weniger als sieben goldene, drei silberne und eine bronzene Medaille, dazu über 40 Karnevalsorden in den Sessionen der beiden Jahrzehnte zwischen 1949 und 1969, ging mit einigen Liedern über den Äther, sprich: über den WDR. Der auch überregional bekannte bergische Bariton Günther Lesche und verschiedene Wuppertaler Chöre haben einige von Heßlers Heimatliedern in ihr festes Repertoire übernommen. Die Sammlung 'Die Gläser hoch - Stimmungs- und Schunkellieder' ist ergänzend zu nennen. Nach oben

Freundinnen und Freunde seiner Melodien und Gedichte gibt es hierzuland genug. Besonders seit Herbert Heßler 'auf seine alten Tage' starkes soziales Engagement gerade für die Senioren praktiziert: durch Liedervorträge und 'Vertällsches' in Altentagesstätten, in Altersheimen, in ungezählten nicht nur heimatorientierten Vereinen, in kirchlichen und städtischen Einrichtungen, beim Deutschen roten Kreuz und im Blindenverein.  Nach oben

Die überregionale Anerkennung konnte, durfte nicht ausbleiben. Am 8.9.1991 wurde ihm für seine Arbeiten, auch und gerade für den Erhalt und die Pflege der heimischen Sprache, die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Prof. Dr. Joachim Dorfmüller

Aus 'Bergische Blätter' 2/9  Nach oben